Deutsches Studentenwerk

Die Randlage des Campus mit fünf Fachbereichen bei der Kleinstadt Dieburg, 15 Kilometer von Darmstadt entfernt, macht das Wohnheim für deutsche Studierende nicht so begehrt. Sie lassen sich lieber auf lange Wartelisten der Darmstädter Wohnheime setzen. Aber internationale Studierende sind auf einen preiswerten und schnellen Platz angewiesen, und in Dieburg ist immer ein Zimmer frei. Die Miete kostet nur 220 Euro monatlich, und so sind drei Viertel der Bewohner internationale Studierende - nur 52 Deutsche wohnen hier. In vielen anderen Wohnheimen bundesweit liegt der Ausländeranteil bei etwas über 30 Prozent. Mit einer Quote wollen die Studentenwerke erreichen, dass sich die internationalen Studierenden integrieren. Umso wichtiger ist in Dieburg der Tutor Mahamadou, dessen Aufgabe es ist, den Kontakt zwischen internationalen und deutschen Kommilitonen zu fördern.

Mahamadou verabschiedet sich von Edwin, der nach seinem Rucksack greift. "Viel Glück", ruft er ihm nach. Eine Gruppe Studenten kommt in die Küche, spanisches Sprachgewirr füllt den Raum, "Hola Mahamadou", ruft einer und öffnet den Backofen. Ein würziger Duft zieht in die Küche. Jeder hat sich seinen Teller selber mitgebracht, in der Küche gibt es kein Porzellan. "Bitte Geschirr sofort entsorgen", steht über der Spüle. Mit drei Ausrufungszeichen. Der Appell findet offenbar Gehör. Die Spüle ist leer und sauber, doch das sei nicht überall so, berichtet Mahamadou. Die 14 Wohnküchen im Haus, die sich zwischen acht und 16 Bewohner teilen, sind ewige Streitpunkte. An der Wand erklärt der Hausmeister in zehn verschiedenen Sprachen das deutsche Mülltrenn-System mit Altpapier, Hausmüll und Altglas. Der Kühlschrank am Ende der Spülzeile ist in zehn abschließbare Fächer eingeteilt, doch das tresorähnliche System hat sich nicht bewährt. Immer wieder verdarben dort Lebensmittel, darum soll jetzt jedes Zimmer einen eigenen Kühlschrank bekommen.

Den Tag, an dem der Kühlschrank kommt, sehnt der brasilianische Student Luis Octávio Noschang schon herbei. Sein Essen bewahrt er seit seiner Ankunft vor drei Wochen in einer durchsichtigen Plastikbox im Regal seines sorgfältig aufgeräumten Zimmers in der vierten Etage auf. "Die Küche ist mir hier zu unappetitlich", erklärt er, denn hier treten die kulturellen Eigenarten der Nationen besonders deutlich zutage. Der Media-Production-Student plant, mindestens vier Jahre in Deutschland zu bleiben und sein Studium hier zu beenden. Luis muss sich sein erspartes Geld gut einteilen, denn als internationaler Student darf er nach dem Gesetz nur an 90 ganzen oder 180 halben Arbeitstagen etwas dazuverdienen. Eine eigene Wohnung kann er sich nicht leisten. Neben seinem Bett liegt ein deutsch-portugiesisches Wörterbuch. Auf dem Schreibtisch lacht von einem Foto seine dunkelhaarige Freundin aus Brasilien, daneben steht sein Laptop. Luis hätte gern einen Internetanschluss, damit er ihr von seinem Zimmer aus E-Mails schreiben kann. Es gibt hier aber keinen Anschluss, darum wendet er sich an Mahamadou. Der Tutor bietet ihm an: "Komm morgen vorbei, dann zeige ich dir, wie du dich anmelden kannst." Internet funktioniert im Wohnheim nur über Wireless Lan, und Mahamadou hat Kontakt zu Telefongesellschaften und hilft bei Vertragsabschlüssen.

Luis hätte nach seiner Einreise beinahe die Immatrikulationsfrist verpasst. Ihm blieben nur zwei Tage Zeit, um sich einzuschreiben, und er wusste nicht, dass er noch eine Krankenversicherung brauchte. Die konnte er nur mit einem deutschen Bankkonto abschließen. Doch erst die zweite Bank gab ihm eine Konto, und ein Wettlauf gegen die Zeit begann: " Ich bin wie verrückt umhergerannt, und dann schließen viele Behörden schon so früh." Er schaffte es gerade noch, sich einzuschreiben. Im Immatrikulationsbüro der Hochschule in Darmstadt hatte ihn niemand über den komplizierten Ablauf informiert. Dieses Problem kennt Mahamadou auch von anderen Studierenden, die er betreut. Er verabredet sich mit Luis für später zum Mittagessen in der Mensa gegenüber.

Mahamadou nimmt die Treppe in den ersten Stock und geht den Flur zu seinem Zimmer hinab. Er muss weiter an seiner Diplomarbeit schreiben, die er in wenigen Wochen abgeben wird. Mit dem Hochschulabschluss wird spätestens im September 2007 auch seine Zeit als Wohnheimtutor enden. Bis dahin kann jeder Studierende, der eine Frage hat, weiter zu ihm kommen. Öffnungszeiten gibt es nicht, seine Tür steht für alle offen. Und wenn er mal nicht da sein sollte, hat er gelbe Zettel vorbereitet, damit jeder weiß, wo er sich aufhält: "Ich bin auf dem Fußballplatz", steht darauf, oder: "Ich bin an der FH". Manchmal möchte Mahamadou aber auch einfach seine Ruhe haben. Für diesen Fall hat er einen weiteren Zettel vorbereitet. Die Botschaft ist freundlich, aber deutlich: " Ich genieße einen verdienten Schlaf."

Text: Anna Kröning, Fotos: Iris Maurer 

Der Beitrag wurde im DSW-Journal 2/2007 veröffentlicht.

 

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