Deutsches Studentenwerk

Gelebte Integration - Portrait eines Tutors

Wohnheimtutoren - sie sorgen dafür, dass internationale Studierende in Deutschland gut zurecht kommen. Ein Besuch im Studentenwohnheim in Dieburg bei Darmstadt.

Dieburg. Über den engen Flur tönt gedämpfte orientalische Musik. Die Frauenstimme mischt sich mit rauschendem Wasser, das aus einem der Gemeinschaftsbäder dringt. Am Ende des Flurs steht eine der grünen Zimmertüren halb geöffnet. Ein Schild am Türrahmen verkündet: "Mahamadou Koné. Tutor für ausländische Studierende in Dieburg". Mahamadou Koné sitzt am Schreibtisch seines elf Quadratmeter großen Zimmers über seiner Diplomarbeit. Nach sechs Jahren Wohnheimleben stapeln sich in dem gemütlichen, engen Raum des Online-Journalismus-Studenten Bücher und Unterlagen in den Regalen. Mahamadou ist mit seinem langen Wohnheimaufenthalt eher die Ausnahme unter seinen 190 Mitbewohnern. Die meisten Studierenden kommen als Austauschstudenten für ein oder zwei Semester in das Wohnheim in Dieburg bei Darmstadt, 29 Nationalitäten leben hier auf vier Etagen unter einem Dach.

Mahamadou blickt auf die Uhr. In zehn Minuten ist er in der dritten Etage des Wohnblocks mit einem neuen Studenten aus Singapur verabredet. Mahamadou kennt nach vier Jahren Arbeit als Wohnheimtutor die Fragen und Probleme der Neuankömmlinge. Über seinem Schreibtisch hängt eine große Weltkarte. Neue Studierende müssen Mahamadou erst einmal zeigen, wo sie herkommen. Seine eigene Heimat, die afrikanische Elfenbeinküste, hat er vor sechs Jahren verlassen. Er erinnert sich noch, wie schwer es für ihn war, sich in fremder Sprache zurechtzufinden. Ein Freund half ihm bei den Behördengängen. Heute gibt Mahamadou seine Erfahrungen als Tutor an die Studierenden weiter und bekommt dafür eine Aufwandsentschädigung vom Studentenwerk. Sieben Tutoren - sechs von ihnen sind internationale Studierende - betreuen derzeit über 2000 ausländische Studierende aus 106 Ländern in Darmstadt. Zum Austausch von aktuellen Themen und Ideen für die zukünftige Arbeit treffen sie sich regelmäßig mit ihren Betreuern des Studentenwerks Darmstadt und untereinander.

Mahamadou hilft nicht nur bei allen Themen rund ums Studium, sondern vermittelt auch bei Konflikten. Die Wände in dem 70er-Jahre-Bau sind hellhörig, und da bleiben Meinungsverschiedenheiten nicht aus. Wenn jemand um ein Uhr in der Nacht seine Musik lauf aufdreht, kann er sie zwar nicht abdrehen, sagt er, aber wenn der Nachbarbewohner sich bei ihm beschwert, dann bietet Mahamadou beiden Parteien an, zu vermitteln. Als Student kann er keine Regeln aufstellen wie der Hausmeister oder der Sozialberater des Studentenwerks, die beide ein Büro im Haus haben. Aber er kann bei Konflikten schlichten.

Mahamadou schaltet den Computer aus und verlässt sein Zimmer. Es ist jetzt still auf dem Flur, die meisten Studierenden sitzen in der Vorlesung. In der dritten Etage trifft er vor der Küche auf Edwin Ng aus Singapur. "How are you?", begrüßt Mahamadou den Elektrotechnik-Studenten. Der 24-Jährige ist vor einer Woche angekommen und will für zwei Semester an der Uni Darmstadt studieren. Weil er nun jeden Tag mit dem Bus eine halbe Stunde dorthin fahren muss, will er sich heute eine Semesterfahrkarte besorgen. Die beiden setzen sich in der Küche auf ein Ledersofa. Mahamadou beschreibt ihm den Weg zu seinem Ansprechpartner an der Uni in Darmstadt, wo Edwin sein Semesterticket abholen kann. Der Student hat in Singapur zwei Semester Deutsch gelernt, ist aber noch unsicher bei der Sprache. Er fühle sich wohl hier mit den anderen Studierenden, sagt er, nur unternehmen kann er hier auf dem Campus nicht viel, Schwimmbad und Fußballplatz sind die Hauptattraktionen. Im Fitnessraum gegenüber trainiert er jeden Tag eine Stunde. Zum Shoppen oder Kaffeetrinken fährt er lieber nach Darmstadt, allerdings fährt der Bus nicht sehr häufig und auch abends nicht sehr lang.


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